::::::::::::::::::::::::  Reinhard Kaisers Elektroarchiv ::::::::::::::::::::::

          Der kalte Sommer des Doktor Polidori 
          Roman. Frankfurter Verlagsanstalt 1991. 
          298 S., Ln., € 19,50
          ISBN 3-627-10200-2 


          Inhalt:  Der Auftrag / Sitzordnung / Der Doktor im Zwielicht / Spitze Schreie / Der Regenschirm / Vom Gewicht des Lasters / Genever, Geneviève, Genève / Waterloo im ahr danach / Die Panne / Von der Geduld des Papiers / Tote und Scheintote / Die Stadt der Elftausend Jungfrauen / Ein Herr, der wenig Worte macht / Der Ruhm nicht wahr? / Rheinaufwärts / Das Meldebuch / Kopieren / Eine grauenhaft unvollkommene Angelegenheit / Wer die Kunst hat, kann sich alles erlauben / Am tiefsten Punkt / Die Bedrängnis / Heraus mit der Sprache / Narr ohne Hof / Der Schatten.
           
          "Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel,
          Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,
          Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen;
          Das wäre hier für sie ein würdig Ziel."
          Mephistopheles
          Klassische Walpurgisnacht, Faust II 

          Der Auftrag

          »Doktor Polidori? Kommen Sie herein!«
             Der Verleger fuhr aus seinem Sessel hoch. Durch die Enge zwischen einem mit Büchern, Mappen und Papieren beladenen Schreibtisch und einem von Korrekturfahnen und Manuskripten überquellenden Regal an der Wand zwängte er sich dem Gast entgegen. Lange bevor er ihn erreichte, hatte er die Hand zum Gruß ausgestreckt. Es war, als liefe er dieser Hand nach, als zöge sie ihn vorwärts, hin zu Polidori.
             »Ich bin ja so froh, daß Sie kommen konnten.«
             »Auch ich freue mich sehr, Mister Murray.«
          Polidori spürte, daß er in diesem Raum wirklich willkommen war. Er zog die Tür hinter sich zu und faßte die schmale Tasche unter seinem Arm, in der sein Manuskript steckte, entschlossener.
             »Bitte sehr -!«
             Murray deutete auf vier oder fünf vor seinem Schreibtisch stehende Stühle. Polidori wählte den, welcher der Mitte am nächsten stand. Seine Tasche lehnte er behutsam an das Stuhlbein.
             Durch drei bis unter die Decke reichende Fenster fiel helles Licht in das Arbeitszimmer. Es war nicht klein, aber es wirkte eng - nicht nur wegen der überzähligen Stühle, die den freien Raum verstellten, sondern auch wegen einiger dunkler und zum Teil sehr breiter Bücher- und Kartenschränke an den Wänden. Die Flächen dazwischen waren mit Kupferstichen, Zeichnungen, auch einigen kleinen Bildern in Öl oder Tempera fast vollständig bedeckt. Auf den meisten Schränken standen Büsten und Köpfe bedeutender Männer in Gips. Nach Gesichtspunkten der Symmetrie waren sie nur an einer der schmalen Wände des Raumes, auf den Regalen zu beiden Seiten des Kamins und auf dem Kaminsims selbst,  aufgestellt. Polidori erkannte Gibbon, Homer, Milton, Shakespeare - die meisten erkannte er nicht. Den Kopf Seiner Lordschaft konnte er nirgendwo entdecken.
             Murray war hinter seinen Schreibtisch zurückgekehrt.
             »Nun reisen Sie also bald mit Lord Byron, wie ich höre« begann er.»»Ganz recht, Sir.«
             »Nach Italien?«
             »Später vielleicht. Zunächst in die Schweiz, an den Genfer See.«
             »Oh, in das Land Voltaires und Rousseaus...»Vergessen Sie unseren Gibbon nicht!In einer Akazienlaube bei Lausanne, im Angesicht des Montblanc vollendete er seinen >Untergang des römischen Reiches<...«
             Murray sah ihn verblüfft an.
             »Sie haben recht. Jetzt erinnere ich mich... Gibbon und sein verteufelt dickes Buch... Ist eigentlich die Route durch Frankreich für Briten inzwischen wieder geöffnet, Doktor?«
             »Ja, Sir, es scheint so. Aber Lord Byron will Schikanen um jeden Preis vermeiden. Deshalb hat er sich für den Umweg durch Belgien und Preußen, den Rhein hinauf entschieden.«
             »Und wann reisen Sie?«
             »Morgen in aller Frühe.«
             »Oh, dann komme ich mit meinem ... Anliegen ja gerade noch rechtzeitig.Wie geht es Lord Byron? Ist er guter Dinge?«
             »Nun, die Reise bringt Unruhe und Ungeduld ins Haus. Ich komme gerade von dort. Seine Lordschaft ist gereizt und sehr nervös. Man kann es nicht anders sagen. Da scheint vieles zusammenzukommen.«
             »Ich verstehe.Sie sind im Bilde, was ... diese Dinge angeht, nicht wahr, Doktor?«
             »Nicht ganz, Sir. Vieles bleibt rätselhaft. Als ich zum Beispiel vorhin Seiner Lordschaft meine Aufwartung machen wollte, trug ich eine Zeitung unter dem Arm. Aber Mister Hobhouse - Sie kennen ihn? Ein guter Freund Seiner Lordschaft - sah mich durch die Halle gehen. Er stürzte auf mich zu und entriß mir die Zeitung. >Sie gehen zu ihm?< fragte er. >Dann aber bitte ohne das hier!< Er wollte mir das Blatt allen Ernstes nicht zurückgeben, dabei hatte ich noch gar nicht hineingesehen!«
             »Er wollte Lord Byron die Aufregung und den Ärger ersparen. Die Zeitungen schreiben in diesen Tagen viel Unerfreuliches über ihn. Die Trennung von seiner Frau ist in aller Munde. Er hat ein Abschiedsgedicht für sie verfaßt. Haben Sie es gesehen, Doktor?«
             »Nein, wie sollte ich?«
             »Ergreifende Verse!«
             »Was sonst?»Von mir wollte er, daß ich eine kleine Auflage für den privaten Gebrauch drucke. Ich hätte mich weigern sollen. Ein Exemplar ist einem Zeitungsmann in die Hände gefallen, er hat es in sein Blatt gesetzt, und nun redet alle Welt über die Geschmacklosigkeit dieser Veröffentlichung kurz vor der Abreise, denn alle Welt glaubt, Lord Byron selbst sei dafür verantwortlich... So kommt eines zum anderen. Die Leute schwatzen ja schon seit Monaten - nicht nur über die Ehe Seiner Lordschaft, auch über andere Dinge, unschöne Dinge, eine unselige Mischung aus Verleumdung und Halbwahrheit.«
             »Ist denn etwas Wahres daran?«
             Murray zuckte die Achseln und seufzte: »Das weiß nur er selbst. Ich weiß es nicht. Ich bin sein Verleger. Aber ich halte zu ihm - solange es irgend möglich ist.«
             »Steht es wirklich so schlimm um das Ansehen Seiner Lordschaft?«
             »Sie lesen wohl auch sonst wenig Zeitung?«
             »Nun, für mich waren die letzten Tage auch ohne Zeitungslektüre aufregend genug. Die plötzliche Berufung in die Nähe des großen Dichters, die Vorbereitungen für die Reise, der Abschied von Freunden und Verwandten... Aber wenn ich Sie richtig verstehe, kommt die Reise Seiner Lordschaft einer Flucht vor der öffentlichen Meinung gleich?«
             Murray nickte. »Die öffentliche Meinung würde Ihnen zustimmen.«
             »Aber alle seine Freunde würden es bestreiten, nicht wahr?«
             »Ja, das tun Sie ... und ich als Verleger Lord Byrons, dieses begnadeten Mannes, der noch vor kaum zwei Jahren in der Gunst des Publikums so sternenhoch stand, möchte auch in dieser dunklen Stunde seines Sturzes etwas für ihn tun, etwas, das ihm, seinem Ansehen und seinem Ruhm nur von Nutzen sein kann, indem es das Interesse der Leser an seinem Werk und an seiner Person wach erhält oder von neuem belebt. Und dabei sollen Sie mir helfen, Doktor!«
             Polidori sah ihn verblüfft an.
             »Man hat mir gesagt« fuhr Murray fort, »Sie seien nicht nur ein begabter Arzt, Sie seien auch ein Mann der Feder, ein Mann mit literarischer Ambition und literarischem Geschmack.«
             »Das klingt sehr schmeichelhaft in meinen Ohren, Mr. Murray - und ich kann sagen: es trifft zu. Wäre es anders, so hätte mich wohl selbst der Ruf eines Dichterriesen nicht bewogen, der Heimat auf nicht absehbare Zeit den Rücken zu kehren.«
             »England ist also tatsächlich Ihre Heimat, Mr. Polidori? Und Englisch Ihre Muttersprache?«
             »Ja, Sir, meine Mutter ist Engländerin. Mein Vater kam vor vielen Jahren aus Italien und hat sich hier in London niedergelassen, als Sprachlehrer.«
             »Sprechen auch Sie andere Sprachen?«
             »Französisch recht gut. Mein Deutsch möchte ich auf dieser Reise verbessern. Außerdem natürlich Italienisch!«
             »Sie sind mein Mann!»Wie bitte, Sir?«
             Und nun entwickelte Byrons Verleger seinen Plan. Niemand, so verkündete er in lockendem, fast schwärmerischem Ton, sei besser plaziert und besser geeignet als der Reisearzt Byrons, einen lebendigen, anschaulichen Bericht von dessen zweiter großer Reise zu geben. Im Augenblick wolle die Welt über Byron zwar nichts hören oder nur Schlechtes - aber jeder Verleger wisse um die Kapriolen des allgemeinen Geschmacks, und in wenigen Monaten bereits könne sich die Lage völlig verändert haben. Er, Murray, glaube fest daran, daß ein Tagebuch, in dem Polidori seine Reise mit Lord Byron schildere, in England schon bald auf ein, wie er sich ausdrückte, »vehementes»Nur eines« so schloß Murray, »müssen wir bedenken.«
             »Was denn, Sir?«
             »Lord Byron könnte es nach den unglücklichen Erfahrungen der letzten Zeit ein wenig übelnehmen, wenn er erfährt, daß jemand im Begriff ist, seine Person und seine privaten Lebensumstände aus nächster Nähe zu porträtieren, wie lauter und wohlwollend die Absichten des Porträtisten auch sein mögen. Ruhm ist ihm recht, aber Zudringlichkeit haßt er. Ich will damit sagen: er sollte nicht zu früh von Ihrem Tagebuch erfahren. Nachher, wenn alles sich zum Guten gewendet hat, wird er uns seine Einwilligung zum Druck nicht versagen.«
             »Wie privat soll das Tagebuch denn sein?«
             Auf Murrays Gesicht zeigte sich ein schmales Lächeln.
             »Oh, das möchte ich Ihrem Fingerspitzengefühl überlassen. Aber schreiben Sie lieber zuviel als zu wenig. Streichen kann man immer noch!«
             »Eine heikle Aufgabe, Sir!«
             »Ohne Zweifel« räumte Murray ein. »Deshalb biete ich Ihnen für die Lösung auch fünfhundert Pfund!«
             Fünfhundert Pfund waren eine beträchtliche Summe. Bei seinem kurzen Besuch im Hause Byrons an diesem Morgen hatte Polidori erfahren, daß die luxuriöse Karosse, in der er morgen zusammen mit Seiner Lordschaft abreisen würde, ebenfalls fünfhundert Pfund gekostet hatte. Einer der Diener, die im Hof damit beschäftigt waren, den großen grünen Wagen zu beladen, hatte es ihm erzählt und hinzugefügt, Byrons Karosse sei bis in alle Einzelheiten eine getreue Nachbildung jener Kutsche, die Napoleon selbst für seine Reisen benutzt habe und die nach der Schlacht bei Waterloo den Preußen in die Hände gefallen sei.
             Murray hatte die Augen zusammengekniffen.
             »Nun, Doktor, wollen Sie?«
             »Eine heikle Aufgabe - aber äußerst reizvoll!«
             »So sollen Aufgaben sein!«
             »Also gut, ich will es versuchen.«
             »Das ist großartig!«
             Murray atmete auf. Tief befriedigt erhob er sich und kam hinter seinem Schreibtisch hervor. Polidori war erstaunt, wie plötzlich das Ende der Unterredung mit Byrons Verleger nun über ihn hereinbrach.
             »Ich freue mich, daß wir uns kennengelernt haben, Mister Polidori.»Und was treiben Sie sonst - wenn Sie kein Tagebuch schreiben?«
             »Ich schreibe ein Theaterstück.«
             »So?«
          Gern hätte Polidori seine schmale Tasche geöffnet und das unfertige Manuskript, das darin lag, wenigstens vorgezeigt. Denn zu diesem Zweck hatte er es mitgebracht.
             »Es wird eine Tragödie.«
             »Ach!«
             »Der Titel ist >Cajetan<.«
             »Cajetan? Wer ist Cajetan?»Ein päpstlicher Gesandter, der ...«
             »Aha!«
             »Ich habe auch noch ein zweites Stück skizziert: >Ximines<!«
             »Sehr schön, lieber Doktor, sehr schön! Vielleicht sollten wir darüber sprechen, wenn Sie von Ihrer Reise zurückgekehrt sind. Bringen Sie mir Ihr Tagebuch und diese Stücke, sofern sie fertig sind. Ich sehe sie mir dann gern an.«
             Stolz und zufrieden sah der Verleger an seinem Gast vorbei auf einen Wandschirm, über den Polidori sich schon gewundert hatte, als er gekommen war. Der Schirm war in diesem Vorzimmer offenkundig nicht aufgestellt, weil er hier gebraucht wurde oder irgendeinen Zweck erfüllte. Er stand da wie ein Ausstellungsstück, über und über mit großen und kleinen Darstellungen von Männern bedeckt, die miteinander in Boxkämpfe verwickelt waren. Einige der großen Figuren standen ohne Gegner da. Auch sie hatten die Fäuste gehoben und nahmen typische Boxerhaltungen ein.
             Eine Frage wollte Polidori aber unbedingt noch stellen.
             »Was würden Sie für meine Theaterstücke zahlen, wenn Sie sich zum Druck entschließen könnten?«
             Murray zögerte mit der Antwort. Es war deutlich zu spüren, daß er am liebsten gar nichts gesagt hätte.
             »Für Ihre Stücke? Hundertfünfzig vielleicht - für beide! Immer vorausgesetzt, Sie können eine Bühne dafür interessieren. - Aber haben Sie diesen Wandschirm gesehen, Doktor?«
             »Ja, ein seltsames Stück!«
             »Ein Wunder! Soll ich Ihnen sagen, woher ich ihn habe? - Vor drei Wochen auf einer Auktion erworben! Der Vorbesitzer ist ein gemeinsamer Bekannter von uns: Lord Byron.«
             »Frappierend!«
             »Nicht wahr? Seine Lordschaft hat vor der Abreise begonnen, den eigenen Hausstand aufzulösen. Den größten Teil der Bibliothek und diesen Schirm hat er versteigern lassen.«
             »Das klingt, als wollte er alle Brücken hinter sich abbrechen.«
             Murray lächelte und streckte Polidori die Hand hin.
             »Gute Reise, Doktor!«
           

          Zu den versammelten Werken


          Reinhard Kaiser, Der kalte Sommer des Doktor Polidori. (c) 1991 Frankfurter Verlagsanstalt GmbH.
          In die Polidori-Mappe gehören  auch  Schirmestücke ,  die Erzählung  Der Wächter des Generals und vor allem Gespenstersommer. Über das Wetter und Literatur im kalten Jahr 1816.