| Der kalte Sommer des
Doktor Polidori Roman. Frankfurter Verlagsanstalt 1991. 298 S., Ln., € 19,50 ISBN 3-627-10200-2 |
Der Auftrag
»Doktor Polidori? Kommen Sie herein!«
Der Verleger fuhr aus seinem Sessel hoch. Durch die Enge
zwischen einem mit Büchern, Mappen und Papieren beladenen
Schreibtisch
und einem von Korrekturfahnen und Manuskripten überquellenden
Regal
an der Wand zwängte er sich dem Gast entgegen. Lange bevor er ihn
erreichte, hatte er die Hand zum Gruß ausgestreckt. Es war, als
liefe
er dieser Hand nach, als zöge sie ihn vorwärts, hin zu
Polidori.
»Ich bin ja so froh, daß Sie kommen
konnten.«
»Auch ich freue mich sehr, Mister Murray.«
Polidori spürte, daß er in diesem Raum wirklich willkommen
war. Er zog die Tür hinter sich zu und faßte die schmale
Tasche
unter seinem Arm, in der sein Manuskript steckte, entschlossener.
»Bitte sehr -!«
Murray deutete auf vier oder fünf vor seinem
Schreibtisch
stehende Stühle. Polidori wählte den, welcher der Mitte am
nächsten
stand. Seine Tasche lehnte er behutsam an das Stuhlbein.
Durch drei bis unter die Decke reichende Fenster fiel
helles Licht in das Arbeitszimmer. Es war nicht klein, aber es wirkte
eng
- nicht nur wegen der überzähligen Stühle, die den
freien
Raum verstellten, sondern auch wegen einiger dunkler und zum Teil sehr
breiter Bücher- und Kartenschränke an den Wänden. Die
Flächen
dazwischen waren mit Kupferstichen, Zeichnungen, auch einigen kleinen
Bildern
in Öl oder Tempera fast vollständig bedeckt. Auf den meisten
Schränken standen Büsten und Köpfe bedeutender
Männer
in Gips. Nach Gesichtspunkten der Symmetrie waren sie nur an einer der
schmalen Wände des Raumes, auf den Regalen zu beiden Seiten des
Kamins
und auf dem Kaminsims selbst, aufgestellt. Polidori erkannte
Gibbon,
Homer, Milton, Shakespeare - die meisten erkannte er nicht. Den Kopf
Seiner
Lordschaft konnte er nirgendwo entdecken.
Murray war hinter seinen Schreibtisch zurückgekehrt.
»Nun reisen Sie also bald mit Lord Byron, wie ich
höre« begann er.»»Ganz recht, Sir.«
»Nach Italien?«
»Später vielleicht. Zunächst in die
Schweiz,
an den Genfer See.«
»Oh, in das Land Voltaires und
Rousseaus...»Vergessen
Sie unseren Gibbon nicht!In einer Akazienlaube bei Lausanne, im
Angesicht
des Montblanc vollendete er seinen >Untergang des römischen
Reiches<...«
Murray sah ihn verblüfft an.
»Sie haben recht. Jetzt erinnere ich mich... Gibbon
und sein verteufelt dickes Buch... Ist eigentlich die Route durch
Frankreich
für Briten inzwischen wieder geöffnet, Doktor?«
»Ja, Sir, es scheint so. Aber Lord Byron will
Schikanen
um jeden Preis vermeiden. Deshalb hat er sich für den Umweg durch
Belgien und Preußen, den Rhein hinauf entschieden.«
»Und wann reisen Sie?«
»Morgen in aller Frühe.«
»Oh, dann komme ich mit meinem ... Anliegen ja
gerade
noch rechtzeitig.Wie geht es Lord Byron? Ist er guter Dinge?«
»Nun, die Reise bringt Unruhe und Ungeduld ins Haus.
Ich komme gerade von dort. Seine Lordschaft ist gereizt und sehr
nervös.
Man kann es nicht anders sagen. Da scheint vieles
zusammenzukommen.«
»Ich verstehe.Sie sind im Bilde, was ... diese Dinge
angeht, nicht wahr, Doktor?«
»Nicht ganz, Sir. Vieles bleibt rätselhaft.
Als ich zum Beispiel vorhin Seiner Lordschaft meine Aufwartung machen
wollte,
trug ich eine Zeitung unter dem Arm. Aber Mister Hobhouse - Sie kennen
ihn? Ein guter Freund Seiner Lordschaft - sah mich durch die Halle
gehen.
Er stürzte auf mich zu und entriß mir die Zeitung. >Sie
gehen
zu ihm?< fragte er. >Dann aber bitte ohne das hier!< Er wollte
mir
das Blatt allen Ernstes nicht zurückgeben, dabei hatte ich noch
gar
nicht hineingesehen!«
»Er wollte Lord Byron die Aufregung und den
Ärger
ersparen. Die Zeitungen schreiben in diesen Tagen viel Unerfreuliches
über
ihn. Die Trennung von seiner Frau ist in aller Munde. Er hat ein
Abschiedsgedicht
für sie verfaßt. Haben Sie es gesehen, Doktor?«
»Nein, wie sollte ich?«
»Ergreifende Verse!«
»Was sonst?»Von mir wollte er, daß ich
eine kleine Auflage für den privaten Gebrauch drucke. Ich
hätte
mich weigern sollen. Ein Exemplar ist einem Zeitungsmann in die
Hände
gefallen, er hat es in sein Blatt gesetzt, und nun redet alle Welt
über
die Geschmacklosigkeit dieser Veröffentlichung kurz vor der
Abreise,
denn alle Welt glaubt, Lord Byron selbst sei dafür
verantwortlich...
So kommt eines zum anderen. Die Leute schwatzen ja schon seit Monaten -
nicht nur über die Ehe Seiner Lordschaft, auch über andere
Dinge,
unschöne Dinge, eine unselige Mischung aus Verleumdung und
Halbwahrheit.«
»Ist denn etwas Wahres daran?«
Murray zuckte die Achseln und seufzte: »Das
weiß
nur er selbst. Ich weiß es nicht. Ich bin sein Verleger. Aber ich
halte zu ihm - solange es irgend möglich ist.«
»Steht es wirklich so schlimm um das Ansehen Seiner
Lordschaft?«
»Sie lesen wohl auch sonst wenig Zeitung?«
»Nun, für mich waren die letzten Tage auch
ohne Zeitungslektüre aufregend genug. Die plötzliche Berufung
in die Nähe des großen Dichters, die Vorbereitungen für
die Reise, der Abschied von Freunden und Verwandten... Aber wenn ich
Sie
richtig verstehe, kommt die Reise Seiner Lordschaft einer Flucht vor
der
öffentlichen Meinung gleich?«
Murray nickte. »Die öffentliche Meinung
würde
Ihnen zustimmen.«
»Aber alle seine Freunde würden es bestreiten,
nicht wahr?«
»Ja, das tun Sie ... und ich als Verleger Lord
Byrons,
dieses begnadeten Mannes, der noch vor kaum zwei Jahren in der Gunst
des
Publikums so sternenhoch stand, möchte auch in dieser dunklen
Stunde
seines Sturzes etwas für ihn tun, etwas, das ihm, seinem Ansehen
und
seinem Ruhm nur von Nutzen sein kann, indem es das Interesse der Leser
an seinem Werk und an seiner Person wach erhält oder von neuem
belebt.
Und dabei sollen Sie mir helfen, Doktor!«
Polidori sah ihn verblüfft an.
»Man hat mir gesagt« fuhr Murray fort,
»Sie
seien nicht nur ein begabter Arzt, Sie seien auch ein Mann der Feder,
ein
Mann mit literarischer Ambition und literarischem Geschmack.«
»Das klingt sehr schmeichelhaft in meinen Ohren,
Mr. Murray - und ich kann sagen: es trifft zu. Wäre es anders, so
hätte mich wohl selbst der Ruf eines Dichterriesen nicht bewogen,
der Heimat auf nicht absehbare Zeit den Rücken zu kehren.«
»England ist also tatsächlich Ihre Heimat,
Mr. Polidori? Und Englisch Ihre Muttersprache?«
»Ja, Sir, meine Mutter ist Engländerin. Mein
Vater kam vor vielen Jahren aus Italien und hat sich hier in London
niedergelassen,
als Sprachlehrer.«
»Sprechen auch Sie andere Sprachen?«
»Französisch recht gut. Mein Deutsch
möchte
ich auf dieser Reise verbessern. Außerdem natürlich
Italienisch!«
»Sie sind mein Mann!»Wie bitte, Sir?«
Und nun entwickelte Byrons Verleger seinen Plan. Niemand,
so verkündete er in lockendem, fast schwärmerischem Ton, sei
besser plaziert und besser geeignet als der Reisearzt Byrons, einen
lebendigen,
anschaulichen Bericht von dessen zweiter großer Reise zu geben.
Im
Augenblick wolle die Welt über Byron zwar nichts hören oder
nur
Schlechtes - aber jeder Verleger wisse um die Kapriolen des allgemeinen
Geschmacks, und in wenigen Monaten bereits könne sich die Lage
völlig
verändert haben. Er, Murray, glaube fest daran, daß ein
Tagebuch,
in dem Polidori seine Reise mit Lord Byron schildere, in England schon
bald auf ein, wie er sich ausdrückte, »vehementes»Nur
eines« so schloß Murray, »müssen wir
bedenken.«
»Was denn, Sir?«
»Lord Byron könnte es nach den
unglücklichen
Erfahrungen der letzten Zeit ein wenig übelnehmen, wenn er
erfährt,
daß jemand im Begriff ist, seine Person und seine privaten
Lebensumstände
aus nächster Nähe zu porträtieren, wie lauter und
wohlwollend
die Absichten des Porträtisten auch sein mögen. Ruhm ist ihm
recht, aber Zudringlichkeit haßt er. Ich will damit sagen: er
sollte
nicht zu früh von Ihrem Tagebuch erfahren. Nachher, wenn alles
sich
zum Guten gewendet hat, wird er uns seine Einwilligung zum Druck nicht
versagen.«
»Wie privat soll das Tagebuch denn sein?«
Auf Murrays Gesicht zeigte sich ein schmales Lächeln.
»Oh, das möchte ich Ihrem
Fingerspitzengefühl
überlassen. Aber schreiben Sie lieber zuviel als zu wenig.
Streichen
kann man immer noch!«
»Eine heikle Aufgabe, Sir!«
»Ohne Zweifel« räumte Murray ein.
»Deshalb
biete ich Ihnen für die Lösung auch fünfhundert
Pfund!«
Fünfhundert Pfund waren eine beträchtliche
Summe.
Bei seinem kurzen Besuch im Hause Byrons an diesem Morgen hatte
Polidori
erfahren, daß die luxuriöse Karosse, in der er morgen
zusammen
mit Seiner Lordschaft abreisen würde, ebenfalls fünfhundert
Pfund
gekostet hatte. Einer der Diener, die im Hof damit beschäftigt
waren,
den großen grünen Wagen zu beladen, hatte es ihm
erzählt
und hinzugefügt, Byrons Karosse sei bis in alle Einzelheiten eine
getreue Nachbildung jener Kutsche, die Napoleon selbst für seine
Reisen
benutzt habe und die nach der Schlacht bei Waterloo den Preußen
in
die Hände gefallen sei.
Murray hatte die Augen zusammengekniffen.
»Nun, Doktor, wollen Sie?«
»Eine heikle Aufgabe - aber äußerst
reizvoll!«
»So sollen Aufgaben sein!«
»Also gut, ich will es versuchen.«
»Das ist großartig!«
Murray atmete auf. Tief befriedigt erhob er sich und kam
hinter seinem Schreibtisch hervor. Polidori war erstaunt, wie
plötzlich
das Ende der Unterredung mit Byrons Verleger nun über ihn
hereinbrach.
»Ich freue mich, daß wir uns kennengelernt
haben, Mister Polidori.»Und was treiben Sie sonst - wenn Sie kein
Tagebuch schreiben?«
»Ich schreibe ein Theaterstück.«
»So?«
Gern hätte Polidori seine schmale Tasche geöffnet und das
unfertige Manuskript, das darin lag, wenigstens vorgezeigt. Denn zu
diesem
Zweck hatte er es mitgebracht.
»Es wird eine Tragödie.«
»Ach!«
»Der Titel ist >Cajetan<.«
»Cajetan? Wer ist Cajetan?»Ein
päpstlicher
Gesandter, der ...«
»Aha!«
»Ich habe auch noch ein zweites Stück
skizziert:
>Ximines<!«
»Sehr schön, lieber Doktor, sehr schön!
Vielleicht sollten wir darüber sprechen, wenn Sie von Ihrer Reise
zurückgekehrt sind. Bringen Sie mir Ihr Tagebuch und diese
Stücke,
sofern sie fertig sind. Ich sehe sie mir dann gern an.«
Stolz und zufrieden sah der Verleger an seinem Gast vorbei
auf einen Wandschirm, über den Polidori sich schon gewundert
hatte,
als er gekommen war. Der Schirm war in diesem Vorzimmer offenkundig
nicht
aufgestellt, weil er hier gebraucht wurde oder irgendeinen Zweck
erfüllte.
Er stand da wie ein Ausstellungsstück, über und über mit
großen und kleinen Darstellungen von Männern bedeckt, die
miteinander
in Boxkämpfe verwickelt waren. Einige der großen Figuren
standen
ohne Gegner da. Auch sie hatten die Fäuste gehoben und nahmen
typische
Boxerhaltungen ein.
Eine Frage wollte Polidori aber unbedingt noch stellen.
»Was würden Sie für meine
Theaterstücke
zahlen, wenn Sie sich zum Druck entschließen könnten?«
Murray zögerte mit der Antwort. Es war deutlich zu
spüren, daß er am liebsten gar nichts gesagt hätte.
»Für Ihre Stücke? Hundertfünfzig
vielleicht - für beide! Immer vorausgesetzt, Sie können eine
Bühne dafür interessieren. - Aber haben Sie diesen Wandschirm
gesehen, Doktor?«
»Ja, ein seltsames Stück!«
»Ein Wunder! Soll ich Ihnen sagen, woher ich ihn
habe? - Vor drei Wochen auf einer Auktion erworben! Der Vorbesitzer ist
ein gemeinsamer Bekannter von uns: Lord Byron.«
»Frappierend!«
»Nicht wahr? Seine Lordschaft hat vor der Abreise
begonnen, den eigenen Hausstand aufzulösen. Den größten
Teil der Bibliothek und diesen Schirm hat er versteigern lassen.«
»Das klingt, als wollte er alle Brücken hinter
sich abbrechen.«
Murray lächelte und streckte Polidori die Hand hin.
»Gute Reise, Doktor!«