In
Paris wird seit mehr als zehn Jahren das vielleicht berühmteste
Kunstmuseum
der Welt, der Louvre, umgebaut. Der erste Bauabschnitt endete,
pünktlich
zum zweihundertsten Geburtstag der Französischen Revolution, 1989,
mit der Eröffnung des neuen Museumseingangs unter einer
gläsernen
Pyramide. Der zweite Bauabschnitt, der wichtigste, durch den der bis
vor
vier Jahren noch vom französischen Finanzministerium genutzte
Nordflügel
dem Museum zugeordnet wird, so daß sich die
Ausstellungsfläche
verdoppelt, geht im November dieses Jahres [1993] zu Ende. Die
Eröffnung
des neuen Trakts soll dann zusammen mit einem weiteren bicentenaire
gefeiert werden: vor zweihundert Jahren, 1793, wurde der Louvre aus
einem
schon seit längerem leerstehenden Königsschloß in ein
zusehends
sich füllendes Kunstmuseum verwandelt. In der letzten Phase der
Umbauarbeiten,
die sich bis zum Ende dieses Jahrtausends erstrecken wird, sollen dann
auch die bestehenden Räume des Südflügels so
gründlich
neugestaltet werden, daß zuletzt kaum eines der bisher
ausgestellten
Objekte noch an seinem alten Platz zu finden sein wird.(1) Denon, Dominique Vivant Baron, geboren Chalon-sur-Saône 4. Januar 1747, gestorben Paris 27. April 1825, französischer Kunstschriftsteller, Maler und Radierer. Gesandtschaftssekretär in Rußland und Italien. Begleitete 1798/99 Napoleon Bonaparte als Kriegszeichner nach Italien und Ägypten ("Voyage dans la Haute et Basse Egypte", zwei Bände). 1804 Generalinspektor der Museen in Paris.
Ein dürres Gerüst von Fakten, hinter dem ein Leben
nicht recht
sichtbar werden kann, das sich im Wechsel der Lebensumstände und
im
Wandel der Epochen, in der Vielfalt der Schauplätze und Stationen
wie ein Entwicklungs- und Abenteuerroman ausnimmt, ein Roman, in dem
übrigens
von Glück erstaunlich viel die Rede ist, von glücklichen
Zufällen
oder Fügungen und von glücklichen Begegnungen zur rechten
Zeit,
vom Glück des Überlebens, vom Auf-die-Füße-Fallen,
auch von Sammlerglück - ein Roman, der obendrein sogar einen
glücklichen
Ausgang nimmt.
Am Anfang steht die Vorausdeutung, die Zigeunerin, deren
Prophezeiung wohl nur deshalb überliefert ist, weil sie sich so
wunderbar
bewahrheitet hat. Sie soll dem jungen Denon schon in seiner
burgundischen
Heimat geweissagt haben:
Ein langes Leben ist Ihnen beschieden... Von schönen Frauen werden Sie geliebt werden und werden an den glänzendsten Höfen Europas verkehren... Sie werden auf den Gipfel Ihrer Wünsche gelangen. (2)
Ein junger Mann aus adeligem Hause, achtzehn Jahre alt,
kommt im Jahre
1764 oder 1765 aus der Provinz nach Paris, um dort, wie seine Eltern es
wünschen, die Rechte zu studieren - um dort, wie er selbst es sich
wünscht, sein Glück zu machen. Der Lebensweg des jungen
Mannes
scheint vorgezeichnet: er wird Anwalt werden, er wird in die Provinz
zurückkehren,
sein Vater wird ihm ein ehrenvolles Amt kaufen, er wird eine Erbin
heiraten.
Der junge Mann hält in Paris aber Ausschau nach anderen
Lebenswegen.
Er studiert wohl an der Ecole de Loi die Rechte, doch
das füllt ihn und seine Zeit nicht aus. Er besucht die Ateliers
von
Künstlern, übt sich dort im Zeichnen und Radieren, beginnt,
seinen
Kunstverstand, sein Auge und sein ästhetisches Urteil zu schulen,
entwickelt eine frühe Leidenschaft für die schönen
Künste
und zeigt beträchtliche graphische Fertigkeiten.
Er besucht das Theater, knüpft Verbindungen zu den
Schauspielerinnen an. Deren Wohlgefallen an dem "kleinen jungen Mann
mit
der rosa Haut, dem jungen Faun" geht anscheinend recht weit. Schon
bewahrheitet
sich die erste Prophezeiung jener Zigeunerin, das Glück bei den
Frauen
betreffend. Dabei ist der junge Mann nicht eigentlich schön zu
nennen.
Aber er ist geistvoll, witzig, umgänglich. Er weiß sich zu
geben.
Er gefällt. Die Schauspielerinnen üben sogar Druck auf das
Auswahlkomitee
der Comédie Française aus, als dieses sich anschickt, das
erste Bühnenstück ihres Schützlings abzulehnen. Die
Komödie
in drei Akten Julie et le Bon Père wird
schließlich
doch aufgeführt und fällt dann im Juni 1769 um so
nachhaltiger
beim Publikum und bei der Kritik durch. Die Theaterkarriere des jungen
Mannes ist damit beendet.
Er besucht den königlichen Hof in Versailles. Er
nähert sich dem König - nicht auf dem üblichen Weg, mit
einem Empfehlungsschreiben, sondern indem er sich selbst empfiehlt. In
seiner Denon-Biographie schildert Jean Chatelain die Szene.
Versailles stand zu jener Zeit bekanntlich weit offen. De Non stellt sich jeden Tag an die gleiche Stelle, und beobachtet den vorübergehenden König mit einem festen Blick, den nichts abzulenken vermag. Eines Tages bleibt der König stehen und befragt den Jüngling mit wohlwollender Miene. Wer er sei? Was er wolle? Das Glück, Sie zu sehen, Sire! Diese Antwort oder eine andere ähnlichen Sinnes überrascht nicht gerade durch Einfallsreichtum. Aber Ludwig XV. langweilte sich, wie man weiß, oft und war stets auf neue Zerstreuungen aus. Die Unerschrockenheit und der Charme des jungen Bittstellers wirkten verlockend auf ihn.
Schon am Beginn von Denons Laufbahn steht die Verwaltung
einer Sammlung
von Kunstgegenständen - keiner öffentlichen allerdings.
Ludwig
XV. gibt die Kollektion geschnittener Steine, die Madame Pompadour nach
ihrem Tod 1764 hinterlassen hat, in seine Obhut. Bald wird Denon auch
der
Titel eines königlichen Kammerherren, eines gentilhomme
ordinaire
de la chambre du Roi verliehen. Seither hat er Zutritt zum engeren
Kreis um den König.(3)
Denon hat nun mannigfaltige Gelegenheit, sich zum
angenehmen
Gesellschafter und Causeur auszubilden, auf dem denkbar
glänzendsten
und glattesten Parkett seine Umgänglichkeit zu verfeinern. Der
Glanz,
den der Monarch auf seine Umgebung ausstrahlt, beflügelt ihn. Aber
er ist Realist genug, zu wissen, daß es mit dem Glück der
Geselligkeit
und der Verwaltung einer Sammlung von Gemmen auch am Hof Ludwigs XV.
nicht
getan ist. Er sucht eine Gelegenheit, sich zu bewähren, eine
ernsthafte
Aufgabe, einen Posten.
Dreizehn Jahre, von 1772 bis 1785, ist Denon, unterbrochen
von einigen Aufenthalten in Paris, als Diplomat im Ausland tätig.
Die erste Mission führt ihn nach St. Petersburg, wo er Katharina
die
Große und auf dem Weg dorthin, im Vorübergehen, in Berlin,
auch
Friedrich II. von Preußen kennenlernt. Die zweite Mission
führt
Denon für einige Monate nach Stockholm, die dritte, im Jahre 1775,
bereits unter der Regierung Ludwig XVI., in die Schweiz.
Auf dem Rückweg nach Frankreich läßt sich
der junge Diplomat die Gelegenheit nicht entgehen, bei Voltaire in
Ferney
am Genfer See vorzusprechen. Eine höfliche Absage wird ihm zuteil.
Voltaire sei leidend und könne nicht empfangen. Aber Denon
verfügt,
wie wir schon gesehen haben, über das glückliche Talent, sich
auch dort Zutritt zu verschaffen, wo er nicht geradezu erwartet wird
oder
willkommen ist. Er schreibt einen Brief an den alten Philosophen:
Genf, den 3. Juli 1775.
Monsieur,
ich verspüre ein unendliches Verlangen, Ihnen meine
Aufwartung
zu machen. Sie können krank sein, und das befürchte ich; mir
scheint aber auch, es ist oft nötig, daß Sie es sein wollen,
und das wäre mir in diesem Augenblick ganz und gar unlieb. Ich bin
königlicher Kammerherr, und Sie wissen besser als irgend jemand
sonst,
daß man uns niemals den Zugang verweigert. Ich beanspruche daher
das Vorrecht, daß mir die Tür geöffnet werde. (4)
In unseren Ohren klingt das hochmütig und geradezu dreist - es ist aber ironisch gemeint und für Voltaire durchaus ehrenhaft. Denon, der Höfling Ludwigs XVI., wendet sich, indem er auf das Hofzeremoniell pocht, an den Philosophen wie an einen König. So lautet denn auch Voltaires Antwort:
Ich kann nicht nur krank sein, ich bin es auch, und das seit ungefähr einundachtzig Jahren. Aber ob tot oder lebendig, Ihr Brief weckt in mir den heftigen Wunsch, Ihre Freundlichkeit zu genießen. Ich diniere nicht, ich esse nur ein wenig. Ich erwarte Sie also zum Essen in meiner Höhle. (5)
Denon blieb dann nicht nur zum Essen bei Voltaire - er hielt
sich eine
ganz Woche in seiner Nähe auf. Voltaire fand Gefallen an dem
weltgewandten
jungen Mann, und dieser bewunderte den alten Philosophen, dem er schon
zu Lebzeiten die Unsterblichkeit ansehen zu können glaubte. Nach
Paris
zurückgekehrt, fertigte er aus der Erinnerung eine Reihe von
Zeichnungen
seines Aufenthalts bei Voltaire an, von denen eine, in Kupfer
gestochen,
rasche Verbreitung und bis heute große Bekanntheit erlangte: Le
déjeuner de Ferney - Das Essen in Ferney. Voltaire
allerdings
war über dieses Werk durchaus nicht erfreut.
Ferney, 20. Dezember 1775
Wenn ich dem Dank, Monsieur, den ich Ihnen schulde, einige
Klagen
beifügen könnte, würde ich Sie dringend bitten, dieses
Blatt
nicht an das Publikum gelangen zu lassen. Ich weiß nicht, warum
sie
mich als verkrüppelten Affen gezeichnet haben, mit schiefem Kopf
und
die eine Schulter viermal höher als die andere. (...) Es ist
immer,
gleichgültig, in welcher Kunstgattung, ein großes
Unglück,
das Außergewöhnliche zu suchen und das Natürliche zu
fliehen. (6)
Denon entschuldigt sich in einem weiteren Brief heftig und versichert, es sei nie seine Absicht gewesen, Voltaire zu karikieren. Gern würde er von ihm eine noch bessere Zeichnung anfertigen, nicht aus der Erinnerung, sondern nach der Natur machen würde. Zu einer zweiten Begegnung kommt es zwar nicht, aber die Verstimmung Voltaires legt sich.
1776 wird Denon als Botschaftssekretär nach Neapel
gesandt. Damit
beginnt die wichtigste Mission in seiner diplomatischen Karriere. Eine
schwierige, heikle, undankbare Aufgabe liegt vor ihm. Sie wird nicht
leichter,
als er 1782 zum chargé d'affaire befördert wird und
drei Jahre lang den Posten des Botschafters selbst verwalten muß.
Das Königreich Neapel hat schon in der Zeit vor der
Revolution einen gegen Frankeich gerichteten, englandfreundlichen Kurs
eingeschlagen. König Ferdinand IV. von Neapel ist eine schwache
Gestalt
- die Fäden der Politik spinnen vor allem seine Frau,
Maria-Caroline,
und deren wechselnde Günstlinge, in dieser Zeit vor allem der
Engländer
John Acton. Als Diplomat steht Denon in Neapel auf verlorenem Posten.
Trotzdem sind die acht Jahre, die er in Italien verbringt,
für ihn keine durchwegs unerfreuliche Zeit. Auch in Italien sind
ihm
die Frauen wohlgesonnen, und seine Biographen machen keinen Hehl
daraus,
wie willkommen ihm diese Zuneigung ist. Denon reist viel. Er besucht
Pompeji,
Herculanum, Rom, auch Griechenland, Sizilien und Malta. Er entdeckt in
Italien gleichsam von neuem jene Sphäre, für die er als
junger
Mann schon ein so leidenschaftliches Interesse entwickelt hatte und die
dann nach dem Ende seiner diplomatischen Laufbahn bis zu seinem Tod die
Mitte seines Lebens bildet: die Kunst. Er vermehrt und vertieft in
Italien
seinen Sachverstand, seine Kennerschaft. Er verbessert die eigenen
zeichnerischen
Fertigkeiten. Vor allem beginnt er, mit wachsender Lust
Kunstgegenstände,
Gemälde, Vasen, Antiken zu sammeln - dies alles übrigens
nicht
in der Haltung des Wissenschaftlers oder Buchgelehrten, sondern als
Amateur,
als aufmerksamer, sorgfältiger Liebhaber. Viel später in
Paris
fragt ihn einmal eine englische Reisende nach dem Geheimnis seines
außerordentlichen
Wissens und meint, er müsse in seiner Jugend viel studiert haben,
worauf Denon antwortet:
Im Gegenteil, Mylady, ich habe nichts studiert, das hätte mich gelangweilt. Aber ich habe viel beobachtet, weil mir dies Vergnügen machte. Und so kam es, daß mein Leben erfüllt war und ich vieles genossen habe. (7)
Aus Italien bringt Denon 1785 eine bedeutende Sammlung von Vasen mit zurück.
Eine Reise durch Kalabrien und Sizilien entzündete von neuem meine ganze Leidenschaft für die Künste, veranlaßte mich, wieder zum Stift zu greifen und in Campanien und Apulien einige Ausgrabungen vorzunehmen. Die Auffindung einer griechischen Vase oder irgendeiner anderen Vase von neuer, unbekannter Form erschien mir als ein vorzüglicher Dienst, den ich dem guten Geschmack erwies. Ich kehrte nach Frankreich so beladen mit Töpferwaren zurück, daß ich gar nicht wußte, wohin damit. (8)
Daß seine Mission in Neapel nicht sehr erfolgreich war, wird in Paris nicht oder nicht nur seinem Mangel an politischem Geschick, sondern auch den Zeitumständen angelastet. Denon erhält jedenfalls einen ehrenvollen Abschied, und der Außenminister empfiehlt ihn der Großzügigkeit des Königs. Ihm wird eine außerordentliche Gratifikation von zehntausend livres und eine Pension von zweitausend livres bewilligt. Mit achtunddreißig Jahren ist Denon ein freier, selbständiger, finanziell gesicherter Mann.
Ein Verdienst, das sich Denon während seiner Zeit als
Diplomat
erwarb, ist noch nicht zur Sprache gekommen, ein schriftstellerisches
Verdienst.
Er selbst hat offenbar nie viel Aufhebens von jener Erzählung
gemacht,
mit der er, nachdem er am Theater so gründlich gescheitert war,
doch
noch zu einigem literarischen Ruhm gelangen sollte, wenn auch
spät.
Vielleicht erschien ihm das kleine Werk nur als eine
Gelegenheitsarbeit,
einer zufälligen Laune, einem Einfall entsprungen, mit leichter
Hand
in wenigen Tagen hingeworfen. Und vor allem hielt er es wohl mit der
Würde
seines Amtes nicht für vereinbar, sich, für alle Welt
erkennbar,
als sein Verfasser zu bekennen. Schließlich handelte es sich um
eine,
wie man damals sagte, "galante" Geschichte - eine der schönsten
erotischen
Erzählungen, die uns aus dem 18. Jahrhundert überliefert
sind.
Sie erschien im Jahre 1777 in der von Claude-Joseph Dorat,
einem Freund Denons, herausgegebenen Zeitschrift Mélanges
Littéraires
ou Journal des Dames unter dem Titel Point de lendemain,
und
ihr Verfasser verbarg sich hinter einer langen Abkürzung, an der
kluge
und neugierige Leute bis ins 19. Jahrhundert viel herumgerätselt
haben: M.D.G.O.D.R. Als dieses Rätsel einmal gelöst
war, hatte
es auch mit den falschen Zuschreibungen ein Ende. Manche hatten Dorat
selbst
für den Verfasser gehalten. Und Honoré de Balzac hat in
frühen
Jahren in seiner Physiologie du Mariage den Anschein erweckt,
die
Geschichte stamme von ihm. In Wirklichkeit bedeutet M.D.G.O.D.R. nichts
anderes als: Monsieur Denon gentilhomme ordinaire du Roi.
Vielleicht dürfen wir uns die Entstehung von Denons
Erzählung so vorstellen: Bei einer Gesellschaft am Hof von
Versailles
stehen einige adelige Damen und Herren in munterem Geplauder
beieinander.
Das Gespräch wendet sich der galanten Literatur und den
Schwierigkeiten
zu, die sie seit eh und je mit den obszönen Wörtern hat.
Sperrig
und widrig seien sie, behauptet einer der Herren und fügt, als er
auf einigen Gesichtern Anzeichen von spöttischer Herablassung
angesichts
seiner vermeintlichen Prüderie entdeckt, hinzu: "Wohlgemerkt -
nicht
im moralischen, sondern im ästhetischen Sinne." Zu aus- und
auffallend
seien diese Wörter, als daß man die Literatur, die sich
ihrer
bedient, noch eine schöne nennen könne, zu plump und schwer,
als daß sie sich mit dem Esprit wirklich verbinden könnten.
- "Aber wenn Sie, Monsieur, die obszönen Wörter nicht
zulassen
wollen", entgegnet ihm eine Dame, "dann werden wir am Ende gar keine
Literatur
von jener Art mehr haben, wie sie uns allen doch bisweilen
Vergnügen
bereitet, nicht wahr? Wirkliche Liebesgeschichten wird es dann nicht
mehr
geben." Da ergreift aus der zweiten Reihe des Kreises, der sich um
dieses
allzeit interessante Thema gebildet hat, ein junger Mann das Wort.
Verzeihen Sie, Madame, wenn ich Ihnen widerspreche. Aber mir scheint, es ist durchaus möglich, eine freie Geschichte zu erzählen, die alles sagt und doch mit keinem Wort den guten Ton verletzt.
So etwa könnte es gewesen sein, und das literarische
Programm,
das Denon, wie es die Anekdote will, im geselligen Kreis entwickelt
hat,
setzt er daheim tatsächlich um. Er bringt eine erotische
Geschichte
zu Papier, in der nichts ungesagt bleibt und die dazu doch kein
einziges
obszönes Wort benötigt.
Point de lendemain bedeutet, wörtlich
übersetzt,
"Durchaus kein Morgen" - also: eine Nacht ohne Zukunft, oder: Nur
diese
Nacht. Ein junger Mann wird von einer Frau auf das Schloß
ihres
unlustigen Gatten entführt - für eine Nacht. Mit ihm
betrügt
sie ihren Mann, aber auch ihren Geliebten und ihre Freundin, deren
Geliebter
der junge Entführte ist. Das klingt nach Verschachtelung und
aufwendiger
Intrige, aber die Verwicklungen bilden nur den schmalen Rahmen der sehr
einfachen, sehr schönen Geschichte einer Annäherung unter den
Bedingungen von Dunkelheit und Diskretion.
Was für eine köstliche Nacht, sagte sie, habe wir allein durch den Zauber dieser Lust erlebt, die unsere Führerin und unsere Ausrede ist! Mir scheint, wenn wir durch Gründe gezwungen würden, uns morgen zu trennen, so hinterließe unser Glück, von dem die Natur nichts ahnt, kein Band, das zu entknoten wäre ... ein Bedauern vielleicht und zur Entschädigung dafür eine angenehme Erinnerung ... Letztlich also Lust, ohne die Umstände, den Ärger und die Tyrannei der Konvention. (9)
"Letztlich also Lust" - man hat Denon als Hedonisten bezeichnet, und vielleicht ist das nicht falsch: ganz offenbar erwächst die eigentümliche Eleganz und Leichtigkeit seiner Geschichte aus einer mit Ironie gemischten Freude am Genuß. Und so nimmt die Dame am Morgen nach der einzigen Nacht Abschied von ihrem jungen Mann:
Leben Sie wohl, Monsieur; ich verdanke Ihnen große
Freude;
aber ich habe Sie mit einem schönen Traum belohnt. In diesem
Augenblick
ruft Ihre Liebe Sie zurück; die, der sie gilt, ist ihrer
würdig.
Wenn ich ihr einige Aufwallungen geraubt habe, gebe ich Sie ihr nun
zurück
- zärtlicher, feinfühliger, eimpfindsamer.
- Noch einmal: leben Sie wohl. Sie sind
charmant ...
Stiften Sie keinen Unfrieden zwischen mir und der Comtesse.
Sie drückte mir die Hand und verließ
mich.
Ich bestieg den Wagen, der auf mich wartete.
Ich suchte
nach der Moral dieses ganzen Abenteuers und ... fand keine. (10)
Nach seinem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst verfügt Denon über die Mittel, die es ihm erlauben, sich unbesorgt dem zu widmen, was für ihn das Glück des Lebens ausmacht: den schönen Frauen, der Kunst. 1787 wird er als "Graveur und Künstler mit vielfältigen Begabungen" zum Mitglied der Académie des Beaux-Arts gewählt, im Jahr darauf kehrt er nach Italien, nach Venedig zurück, diesmal mit einer Aufgabe, die er sich selbst gestellt hat. Er sammelt Material für ein Projekt, das ihn im Laufe der Zeit immer wieder beschäftigt, das jedoch erst nach seinem Tod von einem anderen vollendet werden wird: eine große Geschichte der Malerei von den Anfängen bis in die Gegenwart. Italien bietet hierfür ein reiches Studienfeld. Denon verkehrt in der besseren Gesellschaft Venedigs. Er erteilt zum eigenen Vergnügen, nicht um des Geldes willen, einigen jungen Leuten Unterricht im Radieren, und bisweilen spielt er den Fremden- und Kunstführer - am liebsten für durchreisende Damen. In ihren Erinnerungen berichtet die Malerin Elisabeth Louise Vigée-Lebrun über ihren Aufenthalt in Venedig:
Sobald M. De Non, den ich schon in Paris kennengelernt hatte, von meiner Ankunft in Venedig erfuhr, suchte er mich auf. Sein Espirt und seine Kenntnisse in künstlerischen Dingen machten ihn zu einem zauberhaften Cicerone, und ich freute mich sehr über dieses Zusammentreffen. ... So bekam ich einen unserer liebenswürdigsten Landsleute zum Führer - liebenswürdig allerdings nicht unbedingt im Hinblick auf die äußere Gestalt, denn auch als sehr junger Mann war Monsieur De Non nie schön, was jedoch nicht verhinderte, daß er einer großen Zahl hübscher Frauen gefiel. (11)
Als 1789 in Paris die Revolution ausbricht, befindet sich Denon seit mehr als einem Jahr in Venedig. Er ist also kein Revolutionsflüchtling, kein abtrünniger adeliger Emigrant im eigentlichen Sinne. Aber froh darüber, die stürmischen Entwicklungen in Frankreich aus der Ferne beobachten zu können, ist er durchaus. Allerdings wird seine Position im Ausland während der nächsten Jahre immer schwieriger. In dem Maße, wie das revolutionäre Frankreich gegenüber den anderen Staaten Europas in die Isolation gerät, werden Leute wie er, distanzierte Zauderer, Abwartende, mit Mißtrauen betrachtet - im Ausland neigt man dazu, sie für verkappte Jakobiner zu halten, in Frankreich glaubt man, sie seien verkappte Feinde der Revolution. Als Denon im Herbst 1793 erfährt, daß sein Name in Paris auf die Liste der Emigranten gesetzt und sein Vermögen eingezogen werden soll, kehrt er - auf dem Höhepunkt der Schreckensherrschaft Robespierres - nach Paris zurück. Er nimmt in dieser Zeit eine geringfügige, kaum hörbare orthographische Operation an seinem eigenen Namen vor: er bringt den Adelspartikel "de" zum Verschwinden, indem er ihn mit seinem Nachnamen verschmelzt. Aus De Non wird der Name Denon, den er auch später beibehält - anders als andere Adelige, die nach der Revolution die Attribute ihres alten Adels wieder hervorholen. In Paris bürgt ein Freund aus früheren Tagen, der Maler Jacques Louis David, für Denons politische Zuverlässigkeit.
Ich versichere, daß ich den Bürger Denon in Italien gekannt habe, daß ich gesehen habe, wie er sich dort mit Erfolg in den Künsten übte, und daß er stets nur in neutralen Ländern gelebt habt. Wir arbeiten zur Zeit gemeinsam an dem Kupferstich meines Bildes Der Schwur im Ballhaus. Er hat die Arbeit des Gravierens übernommen. Er hätte es nicht getan, wenn er nicht ein guter Patriot wäre. (12)
Wenn sich Politik und politische Macht zwischen die Kunst und ihren Liebhaber schieben, dann muß sich dieser Liebhaber mit der Politik, mit der Macht, mit den Mächtigen arrangieren, um sich den Objekten seiner Wünsche und Leidenschaften nähern zu können. Nach dieser Devise scheint Denon gelebt und gehandelt zu haben. Sinn für das Konkrete, das Wirkliche, sicheres Gespür für das Mögliche und Machbare, wie es sein Biograph Chatelain nennt - man könnte auch sagen: Opportunismus. Die Fähigkeit, sich in neuen, unübersichtlichen Verhältnissen zurechtzufinden, sich nach Umwälzungen mit den Vertretern der neuen Macht zu arrangieren, die Fähigkeit, immer wieder auf die Füße zu fallen, hat Denon Zeit seines Lebens besessen und mit Glück und Geschick eingesetzt. Mehr noch: Er scheint während der bewegten Zeiten, die er durchlebte, die Nähe der Mächtigen geradezu gesucht und immer wieder gefunden zu haben, nicht nur die Nähe Ludwigs XV., nicht nur (im Vorübergehen, als junger Diplomat auf der Reise nach St. Petersburg) die Nähe Friedrichs des Zweiten von Preußen und in Petersburg die der Zarin Katharina, sondern nun auch, in der Zeit der Schreckensherrschaft, die Nähe Robespierres. Er trifft, inzwischen zum graveur national avanciert, den strengen Mann zu mitternächtlicher Stunde in den Tuilerien und unterhält sich mit ihm über die Kunst und den Beitrag, den sie zur Reform der Sitten, zur Steigerung der allgemeinen Tugend leisten kann. Aber er kompromittiert sich nicht so sehr wie sein Freund David, der noch zwei Tage vor der Hinrichtung des Diktators am 28. Juli 1794 verkündet:
Robespierre, wenn du den Schirlingsbecher nimmst, dann teile ich ihn mit dir. (13)
Um diese Zeit, im Sommer 1794, erleben die Sammlungen des im Jahr zuvor eröffneten museum des arts, des Louvre, einen plötzlichen, unverhofften Zuwachs an neuen Kunstwerken. Die französische Armee, die auf dem Gebiet des heutigen Belgien siegreich operiert, hat sie dort beschlagnahmt und nach Paris geschickt. Bald schwillt der Strom der Meisterwerke an. Die Ausbeute wird noch reicher, als sich der Schwerpunkt der französischen Militäraktionen 1796 nach Italien verlagert. Doch schon bald äußern in Frankreich einige Historiker und Künstler, angeführt von dem Archäologen und Ästhetiker Antoine Quatremère de Quincy, der unter der Schreckensherrschaft mehr als ein Jahr im Gefängnis gesessen hat, ernste, wenngleich zaghaft vorgetragene Bedenken gegen dieses Verfahren:
Bürger Direktoren - wir treten mit der Bitte an Sie heran, die wichtige Frage reiflich zu erwägen, ob es Frankreich nützlich, ob es für die Künste und Künstler überhaupt vorteilhaft ist, wenn die Denkmäler des Altertums und die Meisterwerke der Malerei und Bildhauerkunst, die den Bestand der Galerien und Museen von Rom bilden, aus dieser Hauptstadt der Künste weggeführt werden... (14)
Zu den Unterzeichnern dieses Schreibens gehört
delikaterweise auch
jener Mann, der sich einige Jahre später über solche Bedenken
leichten Herzens hinwegsetzt und daran geht, die siegreiche
Wegführung
von Kunsttrophäen aus halb Europa nach Paris auf eine
systematische
Grundlage zu stellen: Dominique Vivant Denon. Aber noch hat Denon den
nicht
kennengelernt, der ihm, dem passionierten Kunstsammler, das Sammeln im
allergrößten, im kontinentalen Maßstab erst
ermöglichen
und zur Aufgabe machen sollte, den - zumindest für eine gewisse
Zeit
- mächtigsten unter den Mächtigen seiner Zeit.
Ein Glas Limonade, zur rechten Zeit gereicht, scheint
die erste Verbindung zwischen Denon und Napoleon Bonaparte gestiftet zu
haben - bei einem Empfang im Hause des Außenministers Talleyrand,
auf dem sich der junge, noch wenig bekannte korsische Offizier nicht
recht
wohl fühlte, während der mehr als zwanzig Jahre ältere
Denon
längst zu den habitués gehörte. Vielleicht
erinnerte
sich Napoleon an diese Szene, als ihm ein paar Jahre später eine
Freundin
seiner Frau erklärt, Denon habe den sehnlichen Wunsch, an seiner
Militärexpedition
nach Ägypten teilzunehmen. Napoleon ist einverstanden, er wundert
sich nur, daß ein Fünfzigjähriger solche Strapazen noch
auf sich nehmen will. Er kennt Denon schlecht. Der ist zwar ein
Hedonist,
aber ein unternehmungslustiger, unerschrockener. Er hat es auf die
Altertümer
Ägyptens abgesehen, will die Kunst genießen, will studieren,
zeichnen, sammeln - aber die Mühen und Gefahren, die ihm den Weg
zu
den ersehnten Schätzen verlegen könnten, scheut er nicht.
Von Anbeginn meines Lebens wünschte ich eine Reise nach Ägypten zu machen; aber die Zeit, die alles abschwächt, hatte auch diesem Wunsch seine erste Lebhaftigkeit genommen. Da nun von der Expedition, die uns zu Gebietern dieses Landes machen sollte, die Rede war, fachte der Gedanke an die Möglichkeit der Ausführung meines alten Vorhabens mein Verlangen von neuem an. Ein Wort des Helden, der diese Expedition befehligte, entschied meine Abreise. (15)
Denon wird Zeuge der kampflosen Einnahme von Malta, der Landung des französischen Heeres bei Alexandria. Er beobachtet den Sieg der Franzosen über die Truppen Murad-Beis in der Schlacht bei den Pyramiden und wenige Tage später die Vernichtung der französischen Flotte vor Abukir durch die Engländer. Er schließt sich den Truppen des Generals Desaix an, die Murad-Bei nilaufwärts nach Oberägypten verfolgen. Und immerzu zeichnet er - ein Blatt nach dem anderen, Szenen der Kämpfe, ägyptische Ansichten, vor allem Altertümer, unermüdlich, auch unter den widrigsten Umständen. Eine besonders martialische Anekdote erzählt Anatole France so:
Eines Tages, als die Flottille der Expedition den Nil
hinauffuhr,
erblickte Denon Ruinen und sagte: "Die muß ich zeichnen!" Er
nötigte
seine Gefährten, ihn am Ufer abzusetzen, durchquerte die Ebene,
ließ
sich im Sand nieder und begann zu zeichnen. Als er seine Arbeit fast
vollendet
hat, pfeift eine Gewehrkugel über sein Papier. Er hebt den Kopf
und
erblickt einen Araber, der ihn knapp verfehlt hat und eben sein Gewehr
lädt. Er greift nach seiner auf dem Boden liegenden Waffe, sendet
dem Araber eine Kugel in die Brust, schließt seine Mappe und
kehrt
zur Barke zurück.
Am Abend zeigt er dem Stab seine Zeichnung,
worauf
der General Desaix bemerkt:
- Ihre Horizontlinie ist nicht gerade.
- Ah! antwortet Denon, daran ist dieser Araber
schuld.
Er hat zu früh geschossen. (16)
Manchmal betrachtet Denon Ägypten schon mit den Augen eines öffentlichen Sammlers und Einsammlers, der er in der Zeit seines Aufenthalts in Ägypten und auch in der Zeit, als er seinen Bericht darüber verfaßt, noch gar nicht ist. Über den Obelisk der Kleopatra, der in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in einer dramatischen, technisch sehr aufwendigen Aktion nach London geschafft wurde und heute als Cleopatras Needle hart am Ufer der Themse steht, bemerkt er:
Diese Obelisken könnten sehr leicht eingeschifft werden und in Frankreich eine charakteristische Siegestrophäe sein. (17)
Auch eine reich verzierte Wanne im Hof einer Moschee in Alexandria, die in alter Zeit wahrscheinlich einmal ein Sarkophag war, erregt Denons Interesse:
Ich füge noch hinzu, daß man sie als eines der köstlichsten Stücke des Altertums betrachten kann, und daß sie mit die erste Beute von Ägypten sein sollte, womit wir eines unserer Museen bereichern müßten. (18)
Bekanntlich war Napoleons ägyptische Expedition
militärisch
kein Erfolg - ihr Ziel, die Vorherrschaft Englands im Mittelmeer zu
brechen
und für Frankreich einen festen Stützpunkt im vorderen Orient
zu gewinnen, wurde nicht erreicht. Aber für die Wissenschaft,
für
die Kenntnis des alten Ägypten in Europa trug dieser Feldzug
reiche
Früchte. Zum erstenmal gelangten genauere Informationen, Bilder
und
Berichte, und erste Sammlungen von Fundstücken nach Europa.
Ähnlich
wie eine Anzahl anderer Gelehrter, die an Napoleons Feldzug
teilgenommen
haben, macht sich auch Denon gleich nach seiner Rückkehr an die
Ausarbeitung
eines Reports. Seine bis heute immer wieder aufgelegte und immer noch
lesenswerte Reise nach Unter- und Oberägypten während der
Feldzüge
des Generals Bonaparte erscheint zum erstenmal 1802 und erlebt in
kurzer
Zeit mehrere Auflagen.
Im November des gleichen Jahres wird Denon von Bonaparte,
der sich inzwischen zum Konsul auf Lebenszeit hat ausrufen lassen, zum
Generaldirektor der Museen ernannt. Denon, dem Liebhaber der Kunst, dem
leidenschaftlichen Sammler, eröffnen sich plötzlich ungeahnte
Perspektiven. Erst nach und nach begreift er, welche Möglichkeiten
sein neues Amt ihm bietet. Kurz nach seiner Ernennung schreibt er an
seinen
Dienstherrn:
Ich verbringe meine Tage damit, mich mit all dem vertraut zu machen, was Sie mir anvertraut haben, und mich zum Herrn all dessen zu machen, um in Zukunft vielleicht der Meinung gerecht zu werden, die darin zum Ausdruck kommt, daß Ihre Wahl auf mich fiel, und jedesmal wenn ich eine mögliche Verbesserung entdecke, widme ich sie Ihnen und bekunde Ihnen meinen Dank dafür, daß Sie mich auserwählt haben, um sie zu bewerkstelligen. (19)
Es gibt viel zu tun. Zum Aufgabenkreis des neu ernannten Direktors der Museen von Frankreich gehört die Aufsicht über die Bildergalerien in den Regierungsgebäuden, über die staatliche Münzstätte, in der die Medaillen und Gedenkmünzen geprägt wurden, über die Porzellanmanufaktur in Sèvres und die Gobelinmanufaktur. Napoleon und seine Frau Joséphine nehmen ihn als Ratgeber in Fragen der Kunst und der Ausschmückung privater Räume, öffentlicher Monumente und öffentlicher Veranstaltungen oft und gern in Anspruch. Hin und wieder nutzt Denon die Magazine des Louvre, der auf seinen Vorschlag bald in Musée Napoléon umbenannt wird, als Theaterfundus für die Inszenierung der Machtschauspiele Napoleons, so etwa im Dezember 1804 bei der pompösen Krönung Napoleons zum Kaiser der Franzosen in Notre Dame. Zu Denons Aufgabenkreis gehört es auch, einen Künstler für den Entwurf des Frieses ausfindig zu machen, das sich um die Vendôme-Säule ringelt. Er sorgt für den Schmuck des Arc de Triomphe du Caroussel. Er betätigt sich als Anreger und Ratgeber der zeitgenössischen Künstler, bildet eine Art Vermittlungsstelle zwischen der unordentlichen Welt der Künstler und der rigiden napoleonischen Bürokratie. Er hat ein gewichtiges Wort bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen an Maler und Bildhauer mitzureden. Und was solche Aufträge angeht, so gibt es viel zu reden und viel zu tun. Denn der Bedarf an Bildern und Bildnissen des neuen Herrschers und seiner Generäle ist in dieser Zeit gewaltig. Die Produktion von Gemälden in großen Formaten (für öffentliche Gebäude und repräsentative Räume) und in kleineren Formaten (für die Amtsstuben und Behörden) nimmt bisweilen industrielle Ausmaße an. Um die Rohstoffzufuhr für die Fertigung von Statuen auf Dauer zu sichern, schlägt Denon noch ein halbes Jahr vor dem Ende der Ära Napoleons die Annexion von Carrara vor.
Die dortigen Steinbrüche können den gesamten Bedarf des Kaiserreichs an Marmor jedweder Qualität auf mehrere Jahrhunderte hin decken. (20)
Aber im Mittelpunkt von Denons Tätigkeit und seines
Interesses
steht der Louvre. Ihn will er zum größten, reichsten,
prächtigsten
Kunstmuseum der Welt machen, und er verfügt wie kein anderer
Museumsdirektor
vor ihm und nach ihm über die Möglichkeiten und die Mittel,
diesen
Traum zu verwirklichen. Dabei ist ihm seine Verehrung für Napoleon
ebenso Antrieb und Kraftquelle wie die eigene Sammelleidenschaft.
Denon hat die Praxis, Kunstschätze aus eroberten,
besiegten Ländern oder Städten als Siegestrophäen im
Triumphzug
in die eigene Metropole zu bringen, natürlich nicht erfunden. Und
auch bevor er die Leitung dieser Operationen übernahm, hatten die
napoleonischen Eroberungen schon viel Wunderbares nach Paris
geführt.
Bereits im Sommer 1794 hatte ein Abgeordneter im Nationalkonvent voller
Stolz verkündet:
Die Republik erwirbt durch ihren Mut, was Ludwig XIV. auch mit ungeheuren Summen niemals zu gewinnen vermochte. Van Dyck und Rubens sind auf dem Weg nach Paris, und die flämische Schule erhebt sich und kommt herbei, um unsere Museen zu schmücken. (21)
Napoleon selbst hatte 1797 während des italienischen Feldzugs aus seinem Hauptquartier in Tolentino an die Regierung nach Paris gemeldet:
Bürger Direktoren, der Ausschuß der Gelehrten hat in Ravenna, Rimini, Pesaro, Ancona, Loretto und Perugia reiche Ernte gehalten; dies alles wird unverzüglich nach Paris gesandt werden. Zusammen mit dem, was aus Rom gesandt werden wird, werden wir dann alles haben, was in Italien an Schönem zu finden ist, ausgenommen eine kleine Zahl von Gegenständen, die sich in Turin und Neapel befinden. (22)
Damals hatte Denon noch Bedenken geäußert. Jetzt, sechs Jahre später, sind sie verflogen.
Die Klasse der schönen Künste des Instituts hat
mich beauftragt,
über die Ankunft zahlreicher Reichtümer zu berichten, durch
welche
die Statuensammlung soeben erweitert wurde.
Hundert Kisten sind geöffnet worden, und
kein
Unfall, kein einziger Bruch hat unser Glück beim Erwerb so
seltener
Schätze getrübt. Ein Stern, welcher der unsere geworden ist,
waltete über allen mit diesen Sendungen zusammenhängenden
Vorgängen...
Der Held unserer Zeit, gleichzeitig mit allen
erdenklichen
Arten von Ruhm befaßt, hat inmitten der Stürme des Krieges
von
unseren Feinden die Trophäen des Friedens gefordert und über
ihre Erhaltung gewacht. (23)
Denon organisiert die Beschlagnahmung von Kunstwerken in allen Ländern, die Napoleon erobert, nun systematisch - unter dem Aspekt einer Ergänzung und Vervollständigung der vorhandenen Sammlungen des Louvre, aber auch mit der Unersättlichkeit des leidenschaftlichen Sammlers, der schlechterdings nie genug bekommen kann. An Bildern des Franzosen Poussin etwa besteht im Louvre seit jeher kein Mangel. Dennoch beschlagnahmt Denon nach der Schlacht bei Jena vier weitere Poussin-Gemälde in Deutschland und bemerkt dazu, es sei merkwürdig, zu beobachten, wie dem Musée Napoléon, welches schon so reich an Werken Poussins sei, nun auch noch die ersten Versuche dieses geschickten Meisters einverleibt würden. Und immer wieder geht es ihm um die Bekräftigung der Vorrang- und Ausnahmestellung des Louvre zum höheren Ruhme des siegreichen Generals, des ersten Konsuls, des Konsuls auf Lebenszeit und, seit Ende 1804, des glorreichen Kaisers der Franzosen.
Sire, es sollte in Frankreich eine Trophäe unserer Siege in Deutschland geben, wie es sie auch für diejenigen in Italien gegeben hat. Wenn Ihre Majestät mir gestatten, möchte ich Sie auf einige Gegenstände unterschiedlicher Kunstgattungen hinweisen, aus denen Ihre Majestät eine solche Trophäe beim Diktat der Verträge versammeln können... die Sammlung in Kassel könnte wenigstens vierzig Gemälde erbringen, etwa diejenigen von Albrecht Dürer, Holbein und anderen, die dem Museum bisher völlig fehlen... in Oberösterreich gibt es eine Sammlung von Medaillen, die eine Anzahl von nirgendwo sonst auffindbaren Porträts enthält. Diese Sammlung, die man stets nur unter Schwierigkeiten besichtigen konnte, würde die des Cabinet impérial Ihrer Majestät erweitern. (24)
Prachtvoller als in jenen Jahren, da Vivant Denon das Musée
Napoléon verwaltete, waren die Sammlungen des Louvre nie und
werden es nie wieder sein. In der Galerie der Antiken konnte das
Publikum
so gut wie alle Statuen, die in jener Zeit für die bedeutendsten
des
Altertums gehalten wurden, bewundern, die Mediceische Venus aus Florenz
ebenso wie den Diskuswerfer, die Laokoon-Gruppe und den Apoll vom
Belvedere
aus dem Vatikan. Was die Gemäldegalerie an Schätzen enthielt,
läßt sich im einzelnen kaum aufführen. Im Jahre 1811
umfaßte
sie insgesamt 1176 Bilder, darunter 24 Poussin, 14 van Dyck, 15
Holbein,
33 Rembrandt, 54 Rubens, 9 Correggio, 7 Leonardo da Vinci, 17
Domenichino,
15 Guercino, 23 Guido Reni, 15 Veronese, 10 Tintoretto, 25 Raffael, 24
Tizian. (25)
War das Raubgut? Diebesbeute? War Denon wirklich ein
"Raubkommissär",
der Anführer einer Bande von Vandalen? Er selbst und die
überwiegende
Mehrzahl der Franzosen sahen das damals ganz anders. Für sie war
Paris
als Hort und Weltstadt der Freiheit der am besten geeignete und
eigentlich
der einzig denkbare Ort für die Meisterwerke einer Menschheit, die
lange Zeit von ihren weltlichen und geistlichen Unterdrückern um
viele
ihrer größten Leistungen betrogen worden war. Stammten die
Gemälde,
die Statuen, die Münzen, die prachtvollen Möbel, die
Manuskripte,
die in gewaltigen Wagenladungen nach Paris geschafft wurden, nicht zum
größten Teil aus dem Besitz von Fürsten, Klöstern
und Kirchen? Waren sie nicht bisher der Bewunderung des Volkes
vorenthalten
worden?
Unter schlechtem Gewissen jedenfalls litt Denon ganz
offensichtlich
nicht. Er und sein Museum machten keinen Hehl aus der Herkunft der
Werke
in den weitläufigen Sälen, und niemand hatte Zweifel an der
Legitimität
ihres Erscheinens in Paris. Ein Hinweisschild am Eingang zur Galerie
der
Antiken ließ niemanden im Unklaren:
Der größere Teil der hier ausgestellten Statuen ist die Frucht der Eroberungen Seiner Majestät in Italien. Gemäß dem Vertrag von Talentino wurden sie auf dem Kapitol und im Vatikan ausgewählt. (26)
Auch die Erläuterungen zu den einzelnen Ausstellungsstücken drücken sich deutlich aus. Über den Apollo del Belvedere zum Beispiel konnte man lesen:
Diese erhabenste Statue, die uns durch die Zeiten erhalten ist, war der Stolz des Vatikans, wo sie seit drei Jahrhunderten die Bewunderung der Welt genoß, ehe ein Held, von der Siegesgöttin geführt, kam, um sie hinwegzuführen und für alle Zeiten an die Ufer der Seine zu versetzen. (27)
Für den überwiegenden Teil der nach Paris gebrachten Kunstwerke währt die vorgesehene Ewigkeit dann doch nicht länger als zehn oder fünfzehn Jahre. Mit der Ära Napoleons endet auch die frühe Glanzzeit des Louvre. Nach der ersten Abdankung Napoleons im April 1814, die in seine Verbannung nach Elba mündet, zeigen sich die in Paris einrückenden Alliierten den Franzosen gegenüber noch großzügig. Sie sind erleichtert über ihren Sieg, sie wollen die Franzosen nicht demütigen, sie wollen sie mit einem neuen, alten König, mit Ludwig XVIII., versöhnen. Sie wollen der französischen Armee, die von Napoleon abgefallen ist und sich auf diese Weise zur Aussöhnung mit dem übrigen Europa bereit gezeigt hat, ihren Ruhm - die Trophäen ihrer Siege - nicht nehmen. Von einer Rückgabe der entwendeten Kunstschätze ist 1814 nicht die Rede. Denon, der schon das schlimmste befürchtet hat, darf noch einmal hoffen. Aber im Jahr darauf, nach der Flucht Ludwigs XVIII. vor dem zurückkehrenden Napoleon, nach den Hundert Tagen und Waterloo verschwinden alle Aussichten auf eine Erhaltung der reichen Sammlungen. Die französische Armee hat sich gegen ihren Souverän, gegen Ludwig XVIII., erhoben, und nun, so schreibt einer der Sieger von Waterloo, der Herzog von Wellington, an den englischen Premierminister:
... gibt es keinen Grund mehr, der die europäischen Mächte veranlassen könnte, dieser Armee zuliebe ihren eigenen Untertanen noch einmal Unrecht zu tun. (28)
Einer nach dem anderen tauchen die Vertreter der verschiedenen europäischen Staaten im Louvre auf, um die Rückgabe der Kunstschätze zu verlangen und gegenüber einem widerspenstigen Museumsdirektor auch durchzusetzen, der seine letzten Kräfte auf allerlei vergebliche Rückzugsgefechte wendet. Denon tut was er kann, es ist wenig genug, und erntet dafür, obwohl für seine Hingabe an Napoleon bekannt, auch noch die Anerkennung des letzten Mächtigen, mit dem er es in seinem Leben zu tun bekam. Ludwig XVIII. ist der Enkel Ludwig XV., an dessen Hof Denons erstaunliche Karriere vor nunmehr fast fünfzig Jahren begonnen hatte. Schließt sich da ein Kreis? Hat Denon selbst dies so gesehen? Oder hat er sich, wenn er an die Bahn seines Lebens dachte, auf den letzten Satz seiner Erzählung Nur diese Nacht besonnen?
Ich suchte nach der Moral dieses ganzen Abenteuers und ... fand keine.
Am 15. Oktober 1815 kann man in der Gazette de France lesen:
Monsieur Denon, Generaldirektor des Museums, hat um seine Entlassung gebeten. Ihre Majestät hat seinem Gesuch stattgegeben und dabei Ihre Zufriedenheit darüber zum Ausdruck gebracht, mit welchem Eifer sich dieser Gelehrte dafür eingesetzt hat, Frankreich einen Teil der Meisterwerke zu bewahren, deren es sich nun beraubt sieht. (29)
Einige der schönsten Bilder der italienischen Renaissance und Frührenaissance, die Denon aus Italien mitgebracht hat, hängen auch heute noch und wahrscheinlich für immer im Louvre. Denon hatte ihre Bedeutung und ihren künstlerischen Wert lange vor den meisten seiner Zeitgenossen erkannt. Die Abgesandten des Herzogtums Toskana jedenfalls, die nach Paris kamen, hielten es der Mühe nicht für wert, sie einzupacken und abzutransportieren - ein paar Tische mit Einlegearbeiten, die sie in den Tuilerien wiederfanden, waren ihnen wichtiger. Die Bilder blieben im Louvre. (30)
Nach seiner Demission zieht sich Denon aus dem
öffentlichen Leben
zurück. In seinem Haus am Quai Voltaire in Paris widmet er sich
ausschließlich
den eigenen Sammlungen, die er im Laufe der Jahre zusammengetragen und
übrigens ganz und gar rechtmäßig erworben hat. Mit
Ausnahme
einiger Jahre während der Revolution hat er stets über die
nötigen
Mittel dazu verfügt - und vor allem über den Kunstverstand.
Er
hat den Gilles, das unvergleichliche Meisterwerk Watteaus im
Jahre
1804 in einem obskuren Kramladen an der Place du Caroussel entdeckt und
für eine bescheidene Summe gekauft. Nun hängt er in seiner
geräumigen
Wohnung neben Bildern von Ruisdael, von Bourdon, von Parmegiano. In
seinen
Schränken verwahrt Denon Hunderte von Zeichnungen und Tausende von
Stichen, Medaillen, Bronzen, Kuriositäten aus China, Indien und
Ägypten.
Die geheime Mitte dieser Sammlungen bildet anscheinend
ein mittelalterliches Reliquiar - es enthält nicht Überreste
von kirchlichen Heiligen, sondern eine sonderbare Sammlung von
irdischen
Andenken und Überresten weltlicher Gestalten, die so etwas wie ein
kleines privates Pantheon Denons ergeben, ein säkularisiertes
Heiligtum
- nach dem riesigen Museum, dem glänzendsten, das die Welt je
gesehen
hat, nun ein winziges Museum der Erinnerungen und Wertschätzungen,
das selbst wieder einige charakteristische Züge zu einem letzten
Porträt
von Denon liefert. Der Katalog seiner Sammlungen beschreibt es genau:
Vergoldetes Kupfer - ein sechseckiges gotisches Reliquiar, an den Ecken von sechs Türmchen flankiert ... die beiden Frontseiten sind in jeweils sechs Fächer unterteilt und enthalten die folgenden Gegenstände: Splitter von den Gebeinen des Cid und seiner Gemahlin Jimena, aufgefunden in ihrem Grab in Burgos - Splitter von den Gebeinen der Heloise und des Abälard, aus ihren Gräbern im Kloster Paraclet - Haar von Agnès Sorel, die in Loches beerdigt liegt, und von Ines de Castro aus Alcaboça - ein Teil des Schnurrbarts des französischen Königs Henri IV, der bei der Exhumierung der Königsleichname in Saint-Denis 1793 ganz aufgefunden wurde - ein Stück vom Leichentuch Turennes [des Marschalls von Frankreich] - Splitter von den Gebeinen Molières und La Fontaines - Haar des Generals Desaix. Zwei weitere Fächer in den Seitenwänden dieses Objekts enthalten zum einen die eigenhändige Unterschrift Napoleons, zum anderen ein blutbeflecktes Teil des Hemdes, das er bei seinem Tod trug, sowie eine Locke seines Haars und ein Blatt der Weide, unter der er auf der Insel St. Helena ruht. Höhe 16 Zoll, 3 Linien. (31)
Dominique Vivant Denon starb am 27. April 1825 im Alter von
achtundsiebzig
Jahren in Paris, an einer Erkältung, die er sich zwei Tage zuvor
zugezogen
hatte - beim Verlassen einer Kunstauktion.
Fußnoten
1) Joseph Hanimann, "Wie groß
wird das größte
Museum der Welt? Der langfristige Ausbau des Pariser Louvre: eine
Zwischenbilanz", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Juni 1993.
Das
Selbstporträt
aus der Zeit um 1780 hängt im Musée Denon in
Chalon-sur-Saône. 2) Jean Chatelain, Dominique
Vivant Denon et le
Louvre de Napoléon,
Paris: Librairie Académique Perrin 1973, S. 22 3)
Ebd., S. 28f. 4) Ebd., S. 307 5)
Ebd., S. 308 6) Ebd., S. 311. Abb.: Denon, Le
déjeuner
de Ferney, Ausschnitt. 7) Vivant Denon, Nur
diese Nacht.
Anatole France, Baron Denon, R.K., Nur dieses Buch,
Frankfurt:
Schöffling 1997, S. 78 8) Chatelain, S.
50f. 9) Vivant Denon, Nur diese Nacht, S.
31f. 10)
Ebd., S. 51f. 11) Chatelain, S. 62f. 12)
Ebd., S. 70f. 13) Ebd., S. 73 14)
Ebd., S. 75. 15) Vivant Denon, Mit Napoleon in
Ägypten,
1798-1799, hrsg. v. Helmut Arndt, Tübingen: Erdmann 1978, S.
45 16) A. France in: Vivant Denon, Nur diese Nacht, S.
68 17) Denon, Mit Napoleon in Ägypten, S.
71 18)
Ebd., S. 73 19) Chatelain, S. 103 20)
Ebd., S. 136. 21) Ebd., S. 163. 22)
Ebd., S. 164. 23) Ebd., S. 167 24)
Ebd., S. 169f. 25) Ebd., S. 209f. 26)
Ebd., S. 210 27) Ebd., S. 210f. 28)
Ebd., S. 225 29) Ebd., S. 252f. 30)
Joseph Alsop, The Rare Art Traditions. The History of Art
Collecting
and Its Linked Phenomena, New York: Princeton University Press
1982,
S. 123 31) Chatelain, S. 272.
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